Schreiben

Pastablues: Die Kurzgeschichte

Liebe(r) Leser(in),

heute möchte ich dir gerne die Kurzgeschichte vorstellen, auf der mein Buch „Pastablues“ beruht. Ich habe sie vor ein paar Jahren für einen Wettbewerb in meiner Heimatstadt, der unter dem Motto „Das schöne Italien“ stand, geschrieben. Sie hat es tatsächlich unter die ersten zehn Platzierungen geschafft und wurde auch abgedruckt.

Als ich dann ein Buch schreiben wollte, griff ich die Idee wieder auf. Doch ich hatte zu dieser Zeit nicht die Möglichkeit, um nach Italien zu reichen und dort genau zu recherchieren und habe so die Geschichte kurzerhand zu uns nach Deutschland verlegt.

Ich wünsche dir viel Freude beim Lesen.

Pasta Blues

„Cara mia, da bist du ja endlich!“ Meine Oma drückte mich fest an sich. „Sofia, es ist viel zu lange her, seit du das letzte Mal bei uns warst. Komm Cara Mia, lass uns reingehen. Dein Nonno erwartet dich sehnsüchtig. Außerdem kommen gleich Aurelia und die anderen zum Abendessen.“
Mit den anderen meinte sie wohl ganz Cisternino.
Meine Nonna Concetta war nicht nur der unangefochtene Chef innerhalb der Familie, sie war auch in der ganzen Stadt bekannt wie ein bunter Hund. Auch wenn sie manchmal Haare auf den Zähnen haben konnte, so war sie bei den Menschen hier sehr beliebt.
Nach der langen Autofahrt war ich völlig erschöpft und am liebsten hätte ich mich ein wenig ausgeruht. Doch bei meiner italienischen Familie gab es nur selten einen Moment der Stille.
Oma hatte am Telefon bereits angekündigt, dass sie ein kleines Fest für mich geben würde. Zum Glück hatte sie nicht nach Niklas gefragt. Sie konnte ja nicht ahnen, dass er der Grund für meinen kurzfristigen Besuch in Cisternino war. Mein Mann hatte mich betrogen. Er sagte, er bereue seinen Fehler zutiefst und würde alles am liebsten rückgängig machen. Doch so einfach war das nicht. Ich brauchte Abstand und wollte nachdenken. Ein Besuch bei meinen Großeltern war daher die ideale Lösung für mich. Die beiden sah ich eh viel zu selten. Außerdem waren der italienische Wein und Nonnas Orrichette Pomidori genau das Richtige für eine verwundete Seele wie die meine.
Im Trulli meiner Großeltern hatte sich seit meiner Kindheit kaum etwas verändert. Es war klein und sehr schlicht eingerichtet und bei den heißen Temperaturen im Sommer innen angenehm kühl. Zudem lag immer ein unwiderstehlicher Duft von Nonnas hausgemachter Pasta in der Luft. Denn dieses Klischee konnte ich zu gut bestätigen. Bei uns in Italien drehte sich das Leben meistens um zwei Dinge: Amore und gutes Essen.
Draußen konnte ich die ersten Autos parken hören. Nonna hatte hinter dem Haus gedeckt, damit wir alle genug Platz hatten.
„Sofia, wie schön, dich wiederzusehen!“ Tante Aurelia umarmte mich heftig und drückte mir einen dicken Schmatz auf die Wange, ebenso wie alle anderen. Es war auf jeden Fall eine sehr herzliche Begrüßung. Und ich hatte Recht. Nonna hatte tatsächlich ganz Cisternino eingeladen. Jedenfalls fühlte es sich für mich so an. Viele unserer Gäste kannte ich nicht einmal. Doch für meine Nonna spielte das keine Rolle. Für sie gehörten wir alle zur Familie.
„Na los Vincenzo, worauf wartest du noch? Beweg deinen Hintern und hol endlich den Wein!“ Oma stemmte die Hände in die Hüften. Ich musste schmunzeln. Meine Großeltern waren schon sehr lange zusammen und wirkten immer noch glücklich miteinander, auch wenn Nonna grundsätzlich den Ton angab. Plötzlich musste ich an Niklas denken und verspürte einen kleinen Stich im Herzen.
Doch meine Nonna riss mich sofort aus meinen trübseligen Gedanken. „Cara mia, ich habe extra deine Lieblingspasta gemacht, Orrichette Pomodori.“ Das war schon immer mein absolutes Leibgericht. Früher, als ich noch klein war und wir oft den ganzen Sommer hier verbrachten, musste sie das jeden Tag für mich kochen. Egal ob ich wegen einer Schürfwunde am Knie getröstet werden musste oder auch einfach weil ich hungrig war: Nonnas Orrichette ließen meine Welt immer viel heller erscheinen. Nun tischte sie auf. Bei uns kam immer zuerst die Pasta auf den Tisch, anschließend Fleisch oder Fisch und schließlich noch Obst oder ähnliches zu Nachtisch.
Zum Glück hatte ich nur bequeme Kleidung mitgebracht. Denn das Essen meiner Oma war das Beste auf der ganzen Welt. Niemand zauberte frische Pasta so gut wie sie. Gekaufte Nudeln wären für eine waschechte Italienerin wie sie, eine echte Schande, betonte sie immer wieder.
Es war laut und wurde viel gelacht. Die meisten Gespräche drehten sich um Geld, Essen und wie konnte es anders sein, die Liebe.
„Sofia, wo ist eigentlich dein Mann? Warum ist er denn nicht mitgekommen?“ Tante Aurelia sah mich fragend an.
Doch statt einer Antwort, ergriff ich die Flucht, und versteckte mich hinter dem Mandelbaum in der Einfahrt. Als ich endlich alleine war, steckte ich mir eine Lucky Strike an und betrachtete den Sternenhimmel. Über Niklas wollte ich nicht reden. Schließlich bin ich wegen ihm überhaupt weggefahren.
„Cara mia, was tust du denn da?“ Meine Nonna stand neben mir. Verlegen wollte ich gerade meine Zigarette ausdrücken, als sie mich anlächelte. „Komm, gib mir auch eine.“ Bei meiner Großmutter sollte mich wohl nichts mehr überraschen.
„Hier“, sie hielt mir eine Flasche Wein hin, „Trink einen Schluck. Dann redet es sich gleich viel besser. Also Sofia, was ist los zwischen dir und Niklas?“
Ich fing an zu weinen und erzählte Oma die ganze Geschichte, wie sehr der gemeinsame Hausbau an unseren Nerven gezerrt hatte, wie wir immer häufiger aneinander gerieten und schließlich auch, dass Niklas fremdgegangen war und ich nicht wusste, ob ich nach all dem noch mit ihm zusammen sein wollte.
„Ach Cara mia. Denkst du die Ehe ist immer einfach? Glaubst du vielleicht, dein Großvater war mir immer treu?“
Entsetzt sah ich meine Nonna an.
Sie schüttelte den Kopf und erzählte mir von seiner Affäre mit einer Touristin vor vielen vielen Jahren.
„Soll ich dir etwas sagen, Sofia? Liebe bedeutet Arbeit. Man kann in einer Ehe doch nicht gleich alles hinschmeißen, nur weil es gerade ein bisschen schwierig ist. Zu lieben bedeutet auch zu verzeihen und den anderen anzunehmen mit all seinen Fehlern und Schwächen. Er sagt, er liebt dich. Und ich sage dir als deine Nonna, er meint es ernst. Und ich bin mir sicher, dass auch du ihn trotz allem noch liebst. Vielleicht mehr als jemals zuvor. Ich mochte ihn schon immer und du sollst wissen, dass er uns hier jederzeit willkommen ist. So, jetzt muss ich wieder zu meinen Gästen.“
Ohne etwas erwidern zu können, war meine Großmutter auch schon wieder verschwunden. Ich konnte nicht glauben, was sie mir da gerade alles erzählt hatte. Aber für mich waren sie und Nonno der Inbegriff der wahren Liebe.
Ich kramte mein Handy aus der Hosentasche und wählte Niklas´ Nummer. Er ging sofort ran. Wir weinten beide. Er würde sofort losfahren. Ich konnte es kaum erwarten, mich mit ihm auszusprechen. Doch bevor ich ihn in meine Arme schloss und ihn wieder in mein Bett holte, würde ich ihm noch einmal so richtig die Hölle heißmachen. Das gehörte einfach zu meinem italienischem Temperament, meine Spaghettiseite, wie mein Mann dazu sagte.