Leseprobe


Sofia

Draußen erwachte die Stadt zu einem nebeligen Herbsttag. Doch selbst schlechtes Wetter konnte meine Laune heute Morgen nicht trüben. Aufgeregt tippelte ich ins Badezimmer und schnappte mir das Fieberthermometer, welches ich gestern Abend griffbereit neben der Toilette positioniert hatte. Laut meiner Mutter waren nur diese altmodischen Dinger auch wirklich zuverlässig. Zufrieden studierte ich nach wenigen Minuten das Ergebnis meiner Körpertemperatur.
Heute war es wieder so weit. Jedenfalls hoffte ich das. In diesem Moment ärgerte ich mich darüber, dass ich Niks Wunsch nach einem Handyverbot im kompletten Obergeschoss nachgegeben hatte. Von wegen dann käme ich abends besser zur Ruhe und würde morgens gelassener in den Tag starten können. Jetzt konnte von Ruhe und Gelassenheit keinesfalls die Rede sein. Denn nur meine App würde mir endgültige Gewissheit verschaffen.
Gerade wollte ich zurück ins Bett kriechen, überlegte es mir jedoch anders. Ich blickte hinüber zu meinem noch schlummernden Mann. Wie gewöhnlich schlief er nur in Boxershorts. Sein nackter Bauch hob und senkte sich gleichmäßig. Für einen kurzen Moment war ich versucht, ihn sofort zu wecken. Doch ich wollte mir lieber ganz sicher sein und mir zumindest vorher die Zähne putzen.
Leise lief ich die Treppe zur Küche hinunter und startete unseren teuren Kaffeeautomaten, welchen ich Nik zu unserem letzten Hochzeitstag geschenkt hatte. In Gedanken hörte ich meine Nonna meckern, weil ich so einem neumodischen Ding den Vorzug gab, statt den Kaffee mit der Hand aufzubrühen, wie es sich ihrer Meinung nach für eine echte Italienerin gehörte. Ich stellte meinen morgendlichen Espresso auf dem Fensterbrett ab, schaltete mein Handy ein und öffnete aufgeregt die Fruchtbarkeitsapp. Mit zitternden Händen tippte ich meine Temperatur ein.
„Yes, ich wusste es!“ Siegessicher reckte ich meine Faust in die Höhe. Diese großartige App versprach mir den perfekten Tag, um schwanger zu werden. Schnell kippte ich meinen Espresso hinunter und verbrannte mir dabei beinahe die Zunge.
Ich erinnerte mich kurz an den Internetartikel für Frauen mit Kinderwunsch, den ich gestern erst gelesen hatte und der vor Kaffeekonsum warnte, weil Koffein die Fruchtbarkeit beeinträchtigen könne. Doch ich hatte mich entschieden, darauf zu pfeifen und weiterhin mein morgendliches Ritual zu genießen. Kaffee galt in meiner Familie ohnehin als Lebenselixier, und nach zwei ergebnislosen Jahren sollte es doch endlich mit unserem Wunschbaby klappen. Vor drei Monaten hatte ich mir hoffnungsvoll diese App auf mein Handy geladen. Und laut unseren Ärzten waren Nik und ich vollkommen gesund.
„Es ist ganz normal, dass es bei manchen Paaren länger dauert, ein Kind zu bekommen. Sie sollten versuchen, ihren Stress etwas zu reduzieren“, hatte Dr. Bachmeier mir geraten. Der hatte leicht reden. Schließlich musste der gute Mann kein Restaurant leiten.
Erschrocken blickte ich auf die übergroße Uhr im Vintagestil, die über der Küchentür hing. In einer halben Stunde würde Niks Wecker klingeln. In meinem Bauch kribbelte es. Gleich würden wir Sex haben und dabei ein Baby zeugen.
Zurück im Bad, bedurfte es meiner ganzen Konzentration, mir die Haare zu bürsten, meine Zähne zu schrubben und mir noch schnell die Wimpern zu tuschen. Irgendwie hatte ich das Bedürfnis, mich ein wenig aufzuhübschen. Ich wollte ihn verführen, gleich nachdem er aufgestanden war. Denn abends schnarchte er regelmäßig schon, kaum dass sein Rücken die Matratze berührte, und dann würde ich keine Chance mehr haben, meine Verführungskünste einzusetzen.
Kritisch beäugte ich mein Spiegelbild. Mein schokoladenbraun gefärbter Bob konnte durchaus wieder einen Friseurbesuch vertragen. Die honigblonden Strähnen dazwischen waren auch ganz schön herausgewachsen. Dabei sollte die Farbe doch aussehen „wie von der Sonne geküsst“. Meine Haut wirkte blass, doch für ein komplettes Make-up fehlte mir die Zeit. Blöderweise rammte ich mir gerade die Wimperntusche direkt ins Auge, als plötzlich die Tür aufging.
„Morgen“, brummte Nik, während er sich an mir vorbeischob und den Klodeckel aufklappte.
Da ich mit meinem verschmierten Auge beschäftigt war, ignorierte ich die Tatsache, dass mein Mann in meiner Anwesenheit ganz ungeniert pinkelte. Als er die Spülung gedrückt hatte und anschließend den letzten Rest aus der Zahnpastatube quetschte, starrte ich ihn entsetzt an. Sein Wecker hatte doch noch gar nicht geklingelt! Nik brachte meinen ganzen schönen Plan durcheinander! So ein Mist!
Da mir jetzt nicht mehr viel Zeit blieb, verzichtete ich auf eine Dusche und sprühte nur schnell etwas Deo unter meine verschwitzen Achseln. Nik, der hinter einer duftenden Vanillewolke verschwand, hüstelte.
„Kannst du damit nicht warten, bis ich wieder draußen bin?“ Aus den Augenwinkeln bekam ich mit, wie er seine Augen verdrehte. Ich würde mich ordentlich ins Zeug legen müssen, um diesen Morgenmuffel herumzukriegen und zu verhindern, dass er gleich zum Joggen ging. Normalerweise lief er jeden Tag noch vor dem Frühstück an der Donau entlang.
Rasch verließ ich das Bad. Mit einem Satz war ich im Schlafzimmer, riss mir den Schlafanzug vom Leib und warf mich nackt auf das Bett. Als Nik den Raum betrat, rekelte ich mich verführerisch auf dem Laken und schenkte ihm ein träges Lächeln.
„Komm zu mir“, raunte ich zusätzlich, als mir klar wurde, dass er im Schrank nach seinen Laufsachen stöberte, statt sich auf mich zu stürzen. Seufzend stand ich auf und schmiegte mich von hinten an seinen Po. Nik drehte sich um, und für einen kurzen Moment berührten meine Lippen seinen Hals. Meine Hand wanderte in Richtung seiner Shorts. Doch dort regte sich rein gar nichts.
„Was soll das werden, Sofia? Du weißt doch, dass ich morgens immer meine Runde laufe.“
Ungläubig starrte ich ihn an. Dabei war früher er derjenige gewesen, der von meinem nackten Körper nie genug bekommen hatte.
„Laut meiner App ist heute ein guter Tag. Der beste in dieser Woche“, murmelte ich etwas entmutigt, wagte jedoch einen erneuten Versuch und hauchte ihm einen Kuss in den Nacken.
Als er wieder nicht reagierte, ließ ich mich enttäuscht auf das Bett fallen. Nik setzte sich neben mich und strich mir eine widerspenstige Strähne aus dem Gesicht. Sein Blick war ernst.
„Ich habe dir doch schon so oft gesagt, dass es für mich auf diese Weise nicht funktioniert. Ich kann nicht auf Kommando Sex mit dir haben … und schon gar nicht, wenn du mit dem Thermometer vor meiner Nase herumfuchtelst! Wie das letzte Mal. Außerdem kommt die Getränkelieferung um zehn, hast du das schon vergessen?“ Er küsste mich auf die Wange und zog sich ein Shirt über den nackten Oberkörper. Wie schade.
Sein Sixpack von früher war einem kleinen Bäuchlein gewichen. Doch das machte ihn für mich nicht weniger attraktiv. Ich wusste um seine Schwäche für meine hausgemachte Pasta und die leckeren Desserts. Ich wusste auch, dass Anna, meine Lieblingsmitarbeiterin im Restaurant, immer etwas davon für ihn im Kühlschrank versteckte. Seit einer Woche verzichtete er auf eine Rasur, was ihn in Kombination mit seinem dunklen Haar ein wenig verwegen wirken ließ.
„Die letzten Male hast du mich auch schon zurückgewiesen“, sagte ich mit beleidigter Kleinmädchenstimme. Wir hatten jetzt schon seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr miteinander geschlafen.
„Mensch, Sofia, die ganze Zeit hältst du mir irgendetwas vor. Einmal nervt es dich, weil ich deiner Meinung nach zu viel Wert auf Ordnung lege, oder ich bin zu streng gegenüber unseren Mitarbeitern. Ein anderes Mal geht es dir mit der Renovierung im Haus nicht schnell genug voran, und wenn es das nicht ist, dann nervst du mich mit deiner idiotischen App! Wie soll ein Mann da noch einen hoch kriegen?“ Er war etwas lauter geworden.
„Das ist nicht wahr …“, verteidigte ich mich, ohne ihn anzuschauen. Mein Herz begann zu rasen, und fieberhaft überlegte ich, wie ich ihn doch noch zu mir ins Bett bekommen könnte. Da ich etwas dafür brauchte, bemerkte ich zuerst gar nicht, dass Nik schon so gut wie weg war.
„Ich bin in einer Stunde zurück.“ Betreten stand er im Türrahmen und murmelte etwas vor sich hin, was ich nicht verstand. Dann war er auch schon verschwunden.
Traurig und frustriert schleppte ich meinen Körper ins Badezimmer und gönnte mir eine ausgiebige Dusche. Meine anschließende verzweifelte Suche nach sauberen Sachen – ich war schon einige Zeit nicht mehr zum Waschen gekommen – endete mit einem Raubzug bei Niks Klamotten. Die schwarze, enge Jeanshose von gestern konnte ich noch einmal tragen. Ich kombinierte sie mit einem weißen Herrenhemd, welches ich lässig über dem Hosenbund zusammenknotete. Wenn ich zu diesem Look hohe Schuhe trug und meine Haare zu einem lockeren Dutt zusammennahm, würde ich mich in der Spaghetteria so durchaus sehen lassen können. Auch wenn ich im Restaurant immer eine Schürze und eine Haube trug, wollte ich darunter gut aussehen. Eben wie eine erfolgreiche Frau, die ihr Leben im Griff hatte.
Ich lugte auf das Etikett und schmunzelte, als mir der Name einer teuren Designermarke entgegensprang. Nik würde nicht begeistert sein, mich in seinen Klamotten zu sehen. Was seine Kleidung anging, war er überaus penibel.
Ich musste mich dringend um meine Wäsche kümmern und mir überlegen, was ich an meinen Verführungskünsten verbessern konnte. So schnell würde ich nicht aufgeben. Außerdem meckerte ich gar nicht so viel herum, wie er gerade behauptet hatte. Vielleicht sollte ich in Zukunft nur nicht so aufdringlich wirken. Laut meiner App war morgen auch noch ein guter Tag. Das musste ich meinem Mann ja nicht auf die Nase binden.
Hungrig durchstöberte ich unseren Kühlschrank nach etwas Essbarem. Schließlich entschied ich mich für die Penne all’arrabbiata, die ich gestern aus der Spaghetteria mit nach Hause genommen hatte. Ich wärmte mir die Nudeln in einem kleinen Topf und rieb ordentlich Pecorino über das Ganze.
Nik schauderte es immer angesichts meiner seltsamen Frühstücksgewohnheiten. Doch morgens, wenn ich Hunger hatte, schaufelte ich alles Mögliche in mich hinein. Während ich die Nudeln auf die Gabel spießte, dachte ich an Nonna. Sie verstand nicht, wie ich hier in Deutschland Pasta als Hauptgericht servieren konnte. In Italien war das immer nur der Auftakt zu noch viel mehr Essen, der erste Gang quasi.
Seit Großvaters Beerdigung hatte ich meine Oma nicht mehr gesehen. Ob sie sich sehr einsam fühlte? Vielleicht sollte ich sie bald zu uns einladen. Das Haus kannte sie bisher nur von Fotos.
Mein Blick wanderte durch die Küche. Sie war mein absoluter Lieblingsraum im ganzen Haus, und ich war dankbar, dass Nik mir hier freie Hand gelassen hatte. Gemeinsam mit unserem Schreiner hatte ich meine Traumküche entworfen. Das viele Holz ließ den Raum warm und gemütlich wirken, und die dunkle Arbeitsplatte aus Marmor verlieh dem Ganzen trotz des rustikalen Stils einen modernen Touch.
Küche und Wohnzimmer waren bei uns ein offener Raum, wodurch er weitläufiger wirkte, als er in Wirklichkeit war. Durch die riesigen Fenster drang viel Tageslicht herein, und an dem großen Tisch an der Wand konnten wir viele Gäste bewirten. Obwohl ich in meiner Spaghetteria den ganzen Tag nichts anderes tat, liebte ich es, auch zu Hause für meine Lieblingsmenschen zu kochen, und hoffte, dass sich bald wieder die Gelegenheit für eine kleine Party bieten würde.
Nik und ich hatten dieses Haus letztes Jahr gekauft und mit Hilfe unserer Freunde renoviert. An diese Zeit erinnerte ich mich ungern zurück. Nik und ich waren oft erschöpft von der Arbeit gewesen, und die Sanierung am Haus hatte uns viel Zeit und Kraft abverlangt. Zwischendurch hatte ich geglaubt, unsere Ehe würde das nicht überleben. Doch wir hatten es geschafft. Und alles andere würden wir ebenfalls schaffen. Auch, ein Baby zu zeugen …
Seufzend genehmigte ich mir einen zweite Tasse Espresso und rief Anna an. Sie sollte Nik nachher bei der Getränkelieferung helfen. Und morgen Abend war mein Liebster dann fällig, dafür würde ich schon sorgen.

Nik

Erleichtert, nicht weiter in Sofias enttäuschtes Gesicht sehen zu müssen, zog ich die Haustür hinter mir zu und rannte los. Der Nebel versperrte mir die Sicht, und ich konnte kaum den Boden unter meinen Füßen sehen. Doch die Strecke war mir vertraut.
Seit wir vor drei Monaten in unser Haus eingezogen waren, gehörte das Laufen zu meiner täglichen Morgenroutine. Ich rannte, als müsste ich gegen einen starken Wind ankämpfen, und ignorierte das Stechen in meiner linken Seite. Vorne, bei der Steinernen Brücke blieb ich keuchend stehen und lehnte mich gegen eine Mauer. Mein Körper schien beleidigt, weil ich heute meinem üblichen Tempo nicht treu geblieben war, und meine Beine fühlten sich schwerer an als sonst, wenn ich am Wasser entlang joggte.
Die Ader auf meiner Stirn pulsierte, und in diesem Moment genoss ich das Alleinsein wie lange nicht mehr und hoffte, dass Sofia nicht mehr zu Hause sein würde, wenn ich später unter die Dusche stieg. Ich wollte sie heute nicht noch einmal zurückweisen müssen. Allein bei dem Gedanken an den traurigen Ausdruck in ihren Augen zog sich mein Magen zusammen. Die To-do-Listen in meinem Kopf schienen kein Ende zu nehmen, und der immense Kinderwunsch und all die „Verführungsversuche“ meiner Frau bauten eine dermaßen große Erwartung auf, die jedes Mal mit der Enttäuschung endete, dass es doch wieder nicht geklappt hatte.
Meine Muskeln schienen sich langsam zu entspannen, doch mein Herz wollte nicht zur Ruhe kommen. Ich holte zittrig Atem und wünschte, der Druck, der sich mit der Zeit aufgebaut hatte, würde wieder verschwinden.
Unser Restaurant lief großartig, und ich war stolz auf das, was wir gemeinsam auf die Beine gestellt hatten. Doch die Arbeit wurde nicht weniger, und ich wünschte mir mehr Zeit, sodass ich die restlichen Zimmer im Haus renovieren und den Garten gestalten konnte. Außerdem sehnte ich mich nach einem freien Wochenende, und Sofia, die mir in letzter Zeit ständig mit dem Thermometer vor der Nase herumfuchtelte oder auf ihre bescheuerte App deutete, trug nicht gerade zu meiner Erholung bei.
So sehr ich sie liebte und obwohl ich sie nach wie vor begehrenswert fand, rührte sich bei mir in letzter Zeit nichts. Von uns Männern wurde erwartet, dass wir immer Lust auf Sex hatten. Wie sollte ich ihr erklären, dass ich nicht konnte? Mein männliches Ego fühlte sich schon genug gekränkt. Also gab ich mich entweder gestresst, was genau genommen ja keine Lüge war, oder vertröstete sie auf ein anderes Mal. Ja, ich wünschte mir ebenfalls Kinder mit Sofia. Doch wenn es nicht klappen sollte, würde ich mit ihr zusammen immer noch glücklich sein.
Ich warf einen Blick auf die Uhr und ließ mir auf meinem Rückweg absichtlich länger Zeit. Erleichtert stellte ich fest, dass Sofias Fahrrad nicht mehr neben dem Hauseingang lehnte. Der große Wohnraum mit offener Küche sah aus, als hätte sie schnell die Flucht ergriffen. Zwei benutzte Espressotassen standen auf dem Tisch, ebenso Reste von Sofias Frühstück. Nudeln am Morgen, wie ekelhaft! Wie so oft hatte sie vergessen, den Laptop auszuschalten.
Ich warf einen Blick auf den Bildschirm, bevor ich ihn zuklappte, und stellte erleichtert fest, dass sie sich zur Abwechslung auf Pinterest zu neuen Rezeptideen inspirieren ließ, statt einen weiteren Artikel zum Thema Kinderwunsch zu verschlingen.
Bevor ich mir eine ausgiebige Dusche gönnte, räumte ich das Geschirr in die Spülmaschine und ärgerte mich einmal mehr über Sofias Schlampigkeit. Während sie in der Spaghetteria großen Wert auf Ordnung legte, lagen ihre Sachen bei uns zu Hause überall herum. Auf dem Weg ins Badezimmer sammelte ich ein paar ihrer Blusen ein und warf sie in den Wäschekorb, der bereits seit Tagen überquoll.
Ich genoss das heiße Wasser auf meiner Haut und fühlte mich ein wenig besser. Für einen kurzen Moment überlegte ich, mich zu rasieren. Doch Sofia und den Mädels im Restaurant schien ich so zu gefallen. Also ließ ich es sein.
Mit der Tageszeitung in der einen und einem Kaffeebecher in der anderen Hand, machte ich mich zu Fuß auf den Weg zur Arbeit. Ich genoss den Luxus, nicht auf ein Auto angewiesen zu sein. Zwischendurch genehmigte ich mir einen Schluck von meinem Cappuccino und dachte an Sofias Nonna, gegen deren handgebrühten Kaffee unser Vollautomat einfach keine Chance hatte. Ich fragte mich, wie es Concetta wohl ging, jetzt, wo ihr Mann gestorben war. Zu Sebastianos Beerdigung in Italien vor über zwei Monaten hatte ich leider nicht mitkommen können, weil ich in der Spaghetteria die Stellung halten musste. Sofia hatte nicht viel über den Aufenthalt bei ihrer Großmutter erzählt. Möglicherweise ging ihr der Tod ihres Opas näher, als ich angenommen hatte.
Vor dem Restaurant wartete zu meiner Überraschung bereits Anna auf mich. Sie strich sich ihr langes, blondes Haar auf den Rücken, und ihr Lächeln war strahlend.
„Hallo, Anna. Was machst du denn schon hier?“ Ich musterte sie mit zusammengekniffenen Augen. Dabei fiel mir auf, dass sie nicht so leger wie sonst gekleidet war, sondern einen kurzen Jeansrock trug und dazu ein tief ausgeschnittenes schwarzes Shirt, welches meinen Blick sofort auf ihre volle Brust lenkte. Verlegen wandte ich mich ab und schloss die Tür auf.
„Hat Sofia dir nichts gesagt? Anscheinend muss sie noch etwas erledigen und hat mich gebeten, dir zu helfen, wenn die Getränkelieferung kommt.“
Ich schüttelte den Kopf. „Nein, das wusste ich nicht. Aber ich bin froh, dass wir uns immer auf dich verlassen können.“
Ihr Lächeln wurde breiter, und ich fragte mich, ob sie in ihrer Freizeit immer so gekleidet war. Mein musternder Blick war ihr anscheinend nicht entgangen. Unsicher zupfte sie am Saum ihres Rockes herum und steckte verlegen ihre Hände in die Tasche. Das passte gar nicht zu der selbstbewussten Anna, wie ich sie eigentlich kannte.
Zum ersten Mal fiel mir auf, wie attraktiv sie war. Dabei gehörte sie seit Anfang an zu unserem Team in der Spaghetteria. Ihre Haare hatten die Farbe von weißer Schokolade und fielen in sanften Wellen auf ihren Rücken. Ihre haselnussbraunen Augen wirkten riesig, ihre Lippen kräftig geschwungen, und die einzelnen Sommersprossen um ihre Nase herum ließen sie im Gegensatz zu ihrer kurvigen Figur ein wenig mädchenhaft wirken.
„Weißt du“, sie räusperte sich. „Ich habe mir gedacht, dass …“
Doch weiter kam sie nicht, denn der Fahrer mit den Getränken parkte bereits vor der Tür. Er stellte uns die Kisten in den Eingangsbereich, und in der nächsten Stunde waren Anna und ich damit beschäftigt, alles an seinen Platz zu räumen. Sie war kräftiger als Sofia, und ich war überrascht, wie schnell wir fertig waren und wie gut wir zusammenarbeiten konnten. Mit Sofia endete das meistens in einer sinnlosen Diskussion darüber, wie man alles noch effizienter ordnen könnte. Dabei funktionierte unser System schon seit Jahren, und meiner Meinung nach musste nichts mehr optimiert werden.
Mit Anna lief es heute weitaus unkomplizierter. Dabei hatte ich sie bisher nur als zuverlässige Köchin an Sofias Seite wahrgenommen, die immer etwas von meiner Lieblingspasta und Pannacotta für mich im Kühlschrank versteckte.
„Was hältst du von einem Espresso?“
Anna nickte und warf mir einen vielsagenden Blick zu. „Soll ich uns Schokohörnchen vom Bäcker holen?“
„Du bist einfach zu gut zu mir.“ Wir lachten, und keine fünf Minuten später setzten wir uns an einen der Tische.
Anna erzählte, dass sie erst durch Sofia ihre Leidenschaft fürs Kochen entdeckt habe. Außerdem erwähnte sie ganz nebenbei, dass sie gerade Single sei und ihr letzter Freund sie mit ihrer besten Freundin betrogen habe und sich nun kein Mann mehr für sie zu interessieren scheine.
„Da hast du aber was Besseres verdient.“ Ich wusste nicht so recht, was ich sonst hätte antworten sollen, doch Anna schien mit meiner Wortwahl durchaus zufrieden.
„Würdest du dich denn für jemanden wie mich interessieren?“, fragte sie sanft und sah mir dabei direkt in die Augen.
„Ist das nun eine echte oder eine rhetorische Frage?“
Anna zuckte lässig mit den Schultern. „Wie du willst.“
„Ich bin verheiratet.“ Unruhig rutschte ich mit meinem Stuhl ein wenig weiter nach hinten. Dabei fiel Annas Handtasche, die an meiner Lehne hing, auf den Boden. Als sie sich danach bückte, berührte ihr Busen meinen Arm. Ich schluckte schwer, und mit einem Mal fühlte ich mich sehr unwohl. „Ich muss noch rüber ins Büro und einiges an Papierkram erledigen.“ Meine Stimme klang heiser.
„Ich habe das Gefühl, dass es zwischen dir und Sofia nicht besonders gut läuft. Ich bin für dich da, wenn du reden willst.“ Anna sah mir tief in die Augen.
Ich murmelte ein „Danke, das weiß ich zu schätzen“, stand auf und verschwand in das Zimmer neben der Küche, welches mir als Büro diente. Seufzend setzte ich mich an den Schreibtisch, schlug meinen Terminkalender auf, konnte mich aber überhaupt nicht konzentrieren.
Wenn ich so darüber nachdachte … hatte die Frau etwa ein Auge auf mich geworfen? Vielleicht interpretierte ich ihr Verhalten mir gegenüber aber auch falsch und sie wollte nur freundlich sein? Doch ich musste zugeben, dass mich die Aussicht auf ihr Dekolleté und ihre Beine alles andere als kalt gelassen hatte. Jetzt musste ich die ganze Zeit die Frage zurückdrängen, wie sich ihre Haut unter meinen Fingern anfühlte. Ich verfluchte mich für diesen Gedanken. Schließlich war ich ein verheirateter Mann. Doch zugegeben, es tat gut, dass sich eine Frau für mehr als nur mein Sperma zu interessieren schien.

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